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Diagonale:
Magere Debatte
VON CHRISTOPH HUBER (Die Presse) 27.03.2006
Das Festival des österreichischen Films überzeugte - jedenfalls auf der Leinwand, sonst nur bedingt.
Teilweise fast wie Science-Fiction:
Teilweise fast wie Science-Fiction: "Unser täglich Brot" von Nikolaus Geyrhalter liefert ein überwältigendes Bild der Nahrungsmittelproduktion. |(c) stadtkino

Recht unangreifbar war die Entschei dung für den Großen Diagonale- Preis im Spielfilm: Michael Hanekes kühler Kunstthriller Caché, schon mit dem europäischen Filmpreis gekürt, wurde als beste heimische Fiktion des Vorjahres geehrt. Eher ein Statement war die Jury-Entscheidung beim erstmals vergebenen, ebenfalls mit 15.000 Euro dotierten Großen Preis im Dokumentarfilm-Sektor. Nicht für die "großen", international gefeierten Arbeiten von Michael Glawogger (Workingman's Death) und Nikolaus Geyrhalter (Unser täglich Brot), sondern für zwei "kleine" Werke: Exile Family Movie von Arash, ein Publikumsliebling des Festivals, sowie Babooska, Tizza Covis und Rainer Frimmels klar gestaltete Studie des spröden Alltags einer Wanderzirkus-Familie, übrigens eben erst bei Berlinale und dem Pariser "Cinéma du réel"-Festival preisgekrönt.

Das spricht für das Renommee und die kreative Stärke des heimischen Films, was sich auch im ex-aequo-Preis für Innovatives Kino niederschlug: Mit Tina Frank und lia kamen zwei Kräfte jener bemerkenswerten abstrakten Bewegung zum Zug, die schon länger ungewöhnliche Maschinenbilder zwischen Malerei und Musik liefert, dazu wurde ein ambitionierter Erinnerungs-Kurzfilm von Gabriele Mathes prämiert.

Gemeinsam mit konstant gutem Besuch - bei einem Spieltag weniger wurden 15.000 Tickets ausgegeben (im Vorjahr: knapp über 16.000) - warf das ein gutes Licht auf die Kraft der Leistungsschau des heimischen Films. Was nicht heißt, dass jenseits der Leinwände alles so produktiv lief: Die zentrale Schiene mit Diskussionen war zwar auch erfreulich gut ausgelastet, ihr Gewinn aber begrenzt. Eine hitzige Debatte zum österreichischen Film und seinem Markt, wo Michael Haneke heftig gegen die "Förderung der Provinzialität" durch rein auf kommerziellen Erfolg ausgerichtete Subventions-Wünsche von Produzenten-Verbands-Präsident Helmut Grasser wetterte, trug allenfalls zur Klärung der Fronten bei. Auch das Gespräch zur leidigen Behandlung des heimischen Films durch den ORF bot zwar zitable Ansagen, aber keine neuen Ideen.

Ein Tiefpunkt schließlich bei der Diskussion zur heimischen Kritik, als sich Diagonale-Intendantin Birgit Flos vom Podium herab wenig durchdacht über einen Artikel in der neuen Ausgabe der Zeitschrift "kolik.film" beschwerte, der ihr beim Frühstück aufgestoßen war. Mit nur fünf Heften hat dieses Magazin analytisch jedenfalls schon mehr gebracht als die Diskussionen - in der Anlage des Diskursrahmens der Diagonale besteht deutlicher Änderungsbedarf. Auch der bemüht heitere Rahmen der Preis-Zeremonie, wo befremdlicher Weise eine Szene aus dem Hollywood-Horrorfilm Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast nachgespielt wurde, war dem Niveau des präsentierten Filmschaffens nicht angemessen.

Denn filmisch wurde viel geboten: Die monumentalste Österreich-Premiere war Geyrhalters Unser täglich Brot, eine kommentarlose, rhythmisch und optisch überwältigende Abfolge von Tableaus aus der Nahrungsproduktion. Von der Olivenbaum-Rüttelmaschine bis zur fast völlig durchmechanisierten Fleischverarbeitung liefert der am 21. April anlaufende Film teils verstörende Blicke auf eine Industrie, deren reibungslose Abläufe in ihrer synthetischen Leere oft wie Science-Fiction anmuten.

Quasi entgegengesetzt: die Betonung des Menschlichen in Exile Family Movie. Arashs autobiografisches, emotionales Langzeitprojekt kulminiert im Wiedersehen seiner über die Welt verstreuten, also ganz verschieden sozialisierten iranischen Familie, wurde nicht zuletzt als Gegenbild zum viel zitierten "Kampf der Kulturen" geschätzt. Die ambitioniertesten Entwürfe waren aber zwei abendfüllende Versuche von Experimentalfilmern: Norbert Pfaffenbichlers Notes on Film 02 dehnt einen Kurzfilm durch Variationen zur dekonstruktivistischen Auseinandersetzung mit der Moderne.

Ebenfalls rückblickend und modern war Timo Novotnys Life in Loops: Sein mit neuem Material angereicherter, zu Musik der Sofa Surfers arrangierter Remix von Michael Glawoggers Megacities ist eine überzeugende kontemporäre Version des klassischen Topos der Großstadtsinfonie. Gewinnbringend erschlossen sich da auch Bezüge zu feinen historischen Programmen, in diesem Fall: zu den stummen Montage-Arbeiten von Albrecht Viktor Blum. Die Präsentation der einsamen Austro-Meisterwerke des Exil-Kanadiers John Cook aus den 70ern lieferte einen personellen Bezug: Seinem einstigen Mitarbeiter Michael Pilz gelang mit der innerlichen Rückschau Windows, Dogs and Horses der ergreifendste Film des Festivals.

 
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